Zugspitz UltraTrail 2015: Ich weiß was ich diesen Sommer getan habe!

22. Juni 2015 in Trailrunning

Das erste Mal die 100km laufen ist etwas Besonderes. Der Mut, die Beklopptheit. Da kommt alles zusammen.

Prolog

Nach den Salomon 4Trails im letzten Jahr wollte ich in diesem Jahr mal die 100km am Stück wagen. Keine Lust auf DNF, habe ich mich für den Zugspitz UltraTrail entschieden. Technisch relativ einfach und genau 100km lang. Und nein, das ist nicht der Lauf wo es Tote gab (das war der Zugspitz Extrem-Berglauf).

100 Kilometer am Stück. Wie lange würde ich brauchen? Ist mir das Wetter gewogen? Was mache ich die ganze Zeit? Warum überhaupt mache ich das? Wie sieht das Ziel aus und nehme ich es danach überhaupt noch wahr?

Fragen über Fragen welche einer Beantwortung bedürfen.

Bayrische Folklore und ein Bier zuviel?

Keine Ahnung was mich geritten hat. Wir sitzen hier alle im Festzelt zusammen und lauschen der Informationen die Wolfgang Pohl, RaceDirector und Streckenchef, zum Verlauf erzählt. Eigentlich ist alles klar und jeder wartet nur auf die Prognosen.

Das Wetter ist bescheiden. Es wird sogar Schnee erwartet. Mitte Juni. Na super. Sie wollen die Entscheidung über Original-Route oder Alternative erst morgen früh vor dem Start treffen. Alle hoffen auf die geplante Strecke. Auf (noch mehr) Forstweg hat keiner Lust.

Blick vom Alpspixx

Blick vom Alpspixx

Doch das Wetter ist seltsam. Schon gestern als ich mit meinem Edel-Supporter (wie bereits bei den 4Trails konnte ich meinen Vater engagieren und überzeugen) hoch zur Alpspitz bin hat es uns vom Weg gespült. Heftige Regengüsse gepaart mit Wind und Wolken. Abbruch einer Mini-Wanderung und auf dem Weg nach unten dachte ich nur: „Hoffentlich habe ich mich jetzt nicht erkältet“.

Trail unterhalb vom Alpspixx

Trail unterhalb vom Alpspixx

Da mich mein Vater so oder so für bekloppt hält was ich da vor habe (damit ist er nicht der Einzige) stören dann auch Bemerkungen zum Wetter und „du bist wahnsinnig“ nicht mehr.

Zugspitz UltraTrail. Das sind 100 km rund um das Zugspitz-Massiv. Bestückt mit über 5.000 Höhenmetern. Und nun trennen mich nur noch 10 Stunden vom Start. Ein Bier während der Veranstaltung zur Auflockerung habe ich mir zugesprochen. Die Anspannung steigt und das zweite Glas ist in meiner Hand. Dazu Carbo-Loading mit Fleischkäs-Wecken. Mein Magen-Darm wird mich morgen fordern.

Eröffnungsfeier Zugspitz Ultratrail 2015

Eröffnungsfeier des Zugspitz Ultratrail im Grainauer Pavillon

Spätestens mit den Goaßlschnoizn und der Ansprache diverser Honorationen steigt die Aufregung. Mein Vater ist in der Ferienwohnung und schaut Frauen-Fußball. Ich sitze mit vielen Lauffreunden und meinen extra angereisten Motivationshilfen im Festzelt.

Goaßlschnalzer zur Eröffnung

Goaßlschnalzer zur Eröffnung

Wein-undBier-Lieferantin Nicole, Sehnsuchts-Experte bzw. Adios-Angst Mischa, Minimalismus Silke und Dirk. Ich freue mich riesig das sie da sind. Insgeheim glaube ich aber das sie nur wissen wollen und es live sehen möchten ob ich wirklich nicht nur dumme Sprüche gemacht habe und die 100 km schaffe.

So richtig überzeugt bin ich selbst auch gerade nicht. 22 Uhr, drei Bier und diverse „Nicht-Ultra-konforme Lebensmittel“.

Ich gehe ins Bett.

Anmeldung Zugspitz Ultratrail

Anmeldung zum Zugspitz Ultratrail

Schlafen? Wird überbewertet. Routinen vor dem Start.

Irgendwas muss ich essen. Geschlafen habe ich kaum. Ob es an der Angst lag zu verschlafen oder aber am Respekt vor den 100 km? Irgendwas muss ich essen! Erdnüsse, Bananen, ein Joghurt und mehrere Tee finden den Weg in meinen Mund. Ich bin aufgeregt. Und trotzdem entspannt. Was soll passieren? Im Zweifel breche ich ab. Das Wetter sieht nicht rosig aus. Tiefe dunkle Wolken liegen im Massiv.
Es gibt nichts besseres als die heiße Dusche vor dem Rennen. Okay, die warme Dusche danach ist noch besser. Mit jedem Kleidungsstück wächst die Anspannung und ich gehe wiederholt die Strecke im Kopf ab. Machbar. Das erste Mal in der Nacht laufen. Laufe ich alleine? Wen treffe ich unterwegs?

Zu früh, wie immer, bin ich am Start. Im Pavillon ist die obligatorische Ausrüstungskontrolle. Es ist wenig los. Keine Beanstandungen. Alles dabei. Vermutlich, nein sogar sicher, viel zu viel. Um die sieben Kilo wird mein Rucksack wiegen. Wenn ich die minimalistischen Ausgaben einiger anderer Läufer sehe, bezweifle ich um der Vollständigkeit der Pflichtausrüstung. Doch ich laufe für mich.

Die Frage aller Fragen. Originalstrecke oder Alternative? Gegen 7 Uhr soll es das finale Briefing mit dieser Information geben.

Eine lange Hose, eine junge Dame und (im Nachgang) viel Verwirrung

Sehr cool.Die Bus-Besatzungen von Dr. D (Nicole und Mischa) sowie Charlie (Silke und Dirk) sind auch schon wach und im Pavillon. Und sie haben ein super-geiles Poster gebastelt. Ich freue mich riesig und verzeihe dem Rechtschreib-Helden Mischa das da ein Komma nicht passt. (Wäre mir auch nie aufgefallen).
Besonders rührend ist Nicole. Sie schaut mit jeder Minute entgeisterter was ich da vor habe. Hoffentlich habe ich ihr genug Mut gemacht. Ja, ich werde das Ding durchziehen. Gesund. Munter. Mit einem Lächeln!

Fanclub vor dem Start

Fanclub vor dem Start

„Originalstrecke!“ Renn-Direktor Wolfgang spricht aus was alle hören wollten. Keine Alternative im Tal. Oben rum. Die Strecke welche ich vor zwei Woche abgewandert bin. Nicht nur ich freue mich. Nun bemerke ich die Anspannung.

Meine lieben Supporter sind weg. Weiter nach vorne um uns beim fliegenden Start anzufeuern. Der Zugspitz UltraTrail ist auch ein Familientreffen. Viele bekannte Gesichter. Ein kurzer Schnack hier, ein kurzer da. Wunderbar. So soll es sein. Lisa ist auch da. Die Trail-Schönheit, welche verdammt fix unterwegs sein wird, schaut auf ihre Ausrüstung. Zuviel angezogen bzw. dabei. Eine lange Hose und Jacke ist zuviel. Aber sie weiß nicht wohin mit dem Zeug. „Kein Problem.“ Sage ich ihr. „Geben wir meinem Vater mit. (Und wer die Story über Verwirrung um eine tighte-Damenhose lesen will … kommt später.)

Startaufstellung des Zugspitz Ultratrail

Startaufstellung Samstag früh um 7:15 Uhr

Um 7:15 Uhr ist es so weit. Mit einem Pistolenschuß werden wir hinter der Musik-Kapelle aus dem Pavillon entlassen. Mit folkloristischer Begleitung geht es die ersten 200 Meter durch Grainau. Dann biegen die Musikanten rechts weg und der Start ist freigegeben.

Es dauert einen Augenblick bis wir auch starten können. An der Ecke stehen meine Supporter und ich drücke meinem Vater Lisa’s Sachen in die Hände. Durch Grainau bleibe ich an Lisa dran. Überall auf den Balkonen stehen die Leute und klatschen uns in den Regen. Auch Fabian und Melanie rufen mir „Alles Gute!“ zu. Danke und euch auch später beim Basetrail.
Noch bevor wir die Ortsgrenze erreichen geht es in den ersten kleinen Anstieg. Das Feld hat sich schon in die Länge gezogen. Die Spitze sehe ich nicht mehr. Hier sage ich Lisa „Tschüß“. Ich will kein Bremser sein. Getreu meinem Vorhaben gehe ich den Hügel hoch. Zügig, aber nicht rennend. Ein SmallTalk am Wegesrand und erstaunte Gesichter auf meine Aussage: „Habe ja noch über 24 Stunden Zeit. Da kann ich auch kurz mit euch reden.“

Starterfeld beim ersten Uphill

Starterfeld beim ersten Uphill

Es regnet leicht und die Wolken hängen tief. Das wird eine feuchte Angelegenheit. Wir rennen ansteigend im Höllental und biegen oben nicht in die Klamm ab, sondern folgen einem kleinen verschlammten Trail in Richtung Eibsee.
Die über 500 Starter sind zuviel. Es staut sich an einer Brücke. Einige denken sich vorbei drängeln zu müssen. Na dann. Ich habe Zeit! Und aus der Ruhe lasse ich mich auch nicht bringen.

Uphill im Höllental

Uphill im Höllental

Endlich bin ich auf bekannter Strecke unterwegs. Den Teil bin ich bereits bei den 4Trails im letzten Jahr gelaufen. Bis oberhalb Ehrwald werden wir der Route folgen. Nach einigen Forststraßen-Kilometern erreiche ich den ersten Verpflegungspunkt „Abzweigung Eibseealm“. Mein Vater wartet auch dort. Ich bin komplett durchnässt, aber guter Laune und voll in der Zeit.

Verpflegung Eibseealm

An der Verpflegung Abzweigung Eibseealm

Kein Feldernjöchl – der neue Winter Monat Juni

Während ich ein paar Tomaten, etwas Kuchen und warme Brühe esse teilen sie uns mit das wir leider doch die Alternativroute ab der Pestkapelle laufen müssen. Schade. Ich hatte mich sehr gefreut. Die schönste Strecke nun gestrichen. Väterchen werde ich erst an der Hämmermoosalm wieder sehen. Rund 10 Minuten früher als geplant bin ich wieder auf der Strecke. Im Wald geht es im tiefen Schlamm steil bergauf. Es regnet immer noch und ist unangenehm kühl. Trotzdem besser als 30 Grad Sonne.

Selfie an der Grenze

Selfie an der Grenze

Erster Grenzübertritt

Erster Grenzübertritt

Kurz vor der Grenze zu Österreich müssen wir eine Skipiste hoch. Zum Teil ist es extrem rutschig und immer wieder sucht man vergebens nach Grip. Eine Wolkenlücke gibt die Sicht auf das Zugspitzmassiv frei welche wie mit Puderzucker bestäubt aussieht.

Okay, wenn es dort schon Schnee hat, dann ist klar warum der Veranstalter das Risiko nicht eingehen möchte. Etwas wehmütig, aber verständnisvoll laufe ich weiter zur Ehrwalder Zugspitzbahn um die nächste Skipiste in Angriff zu nehmen. Vor zwei Wochen hatte ich hier Probleme wegen der Hitze, heute fröstelt es leicht. Von hinten kommt ein Motorrad. Robert von der Video-Crew. Kurzer Plausch über das Befinden. Gemütlich ist es für ihn sicher auch nicht und später wird er mein Retter in geistiger Not.

Matsch Uphill durch den Wald

Matsche durch den Wald

Die Skipiste hoch

Die Skipiste hoch

Der Downhill zur Gamsalm ist rutschig. Gleitend erreiche ich den Verpflegungspunkt. Ein „Hallo“ zu Till (Sommerkind Trailrunning Reisen), eine Suppe, die Trinkblase wieder gefüllt und schon geht es weiter. Immer am Hang und an Skipisten entlang kommen wir endlich zum Koppensteig. Ein ständiges hoch und runter. Voran komme ich kaum. Es ist so rutschig, dass zu schnell etwas passieren könnte. Ich reihe mich im Downhill ein und mache gemächlich. Ich liege sehr gut in der Zeit.

Koppensteig

Koppensteig

Letztes Jahr sind wir am Ende des Koppensteig nach Ehrwald hinunter. Diesmal geht es rauf in Richtung Bergstation der Ehrwalder Almbahnen. Die Anstiege sind teilweise nicht gehbar, so glatt ist es. Dadurch das hier nun auch die SuperTrail XL  Starter entlang kamen ist der Boden unlaufbar. Auch mein Stock kann mir nicht mehr helfen. Ich hangle mich von Baum zu Baum und halte mich an Ästen fest. Teilweise auch quer durch den Wald. Keine Chance anders voran zu kommen.

Ein Seufzer als ich auf der Forststraße stehe. Das hat Kraft und Zeit gekostet. Der Weg bis zur nächsten Verpflegung an der Pestkapelle ist einfach. Forststraßen mit Schotter. Die Sicht ist immer noch schlecht. Es nieselt leicht. Zum Glück ist der Wind im Wald nicht so stark. Ich nutze die Einfachheit und esse ein Gel, trinke ausgiebig und rechne wann ich wo sein werde. An den Almbahnen angekommen weht ein kalter Wind. Doch durch die Bewegung stört es mich nicht.

Willkommen in der Bürokratie – lange-Hosen-Pflicht

Um 12:57 Uhr bin ich an der Pestkapelle. Fast eine Stunde vor meiner geplanten Zeit. Mir geht es sehr gut und kann erstaunlich lange Strecken laufen.
Wir werden aufgefordert lange Hosen anzuziehen. Ich protestiere da es ja jetzt auf der Alternativroute bis zur Hämmermoosalm im Tal auf der Forststraße lang geht. Nutzt aber nichts. Anziehen oder Disqualifikation. So ein Blödsinn! Die Pflicht der langen Hose wäre okay für die Originalstrecke gewesen, aber doch nicht für unten rum. Aber es gibt keine andere Information von der Rennleitung und Regeln sind Regeln. Ach ich hasse stupide Bürokratie ohne Nachfrage.

Verpflegung Pestkapelle

Verpflegungsstation Pestkapelle

Was bringt es mir? Ich brauche so lange um die Hose aus dem Rucksack zu holen und anzuziehen, dass meine Finger kalt werden. Ich kann sie kaum bewegen und fange an zu zittern. Mir ist kalt. Frostig! Hätte ich einfach weiter laufen können, kein Problem.

Während ich die Station verlasse, fluche ich innerlich und bin wütend. So ein Driss. Jetzt setzt etwas Schneegraupel ein. Doch höher geht es nicht und wir werden auf die Alternativstrecke durch das Gaistal zur Hämmermoosalm geschickt.
Auf der Forststraße sammle ich Kilometer um Kilometer. Leicht abwärts kann ich es laufen lassen. Einerseits schön, auf der anderen Seite nervt die lange Hose (ich laufe nie lang!) und das wir nicht oben auf der Originalen rennen.

Alternativroute im Tal

Alternativroute im Gaistal

Aufpassen muss man hier nicht. Ich hole das Handy raus und schreibe meinem Support:

13:25: Läuft gut. 25min bis Hämmermoosalm. Bitte Cola Glas bestellen. Mir ist heiß. Nur öde Forststraße

Ja, mir ist warm. Richtig warm. Die Jacke habe ich offen. Ich bin komplett nass vom Regen und Schweiß. Während die anderen Läufer um mich immernoch frösteln gehe ich in der langen Hose fast zu Grunde.

Forstweg zur Hämmermoosalm

Forstweg zur Hämmermoosalm

Geplant wollte ich 16:45 Uhr an der Alm sein. Jetzt ist es 13:40Uhr. Es läuft gut und durch die einfachere Route ist viel Zeit gespart wurden. Mischa empfängt mich und geht die letzten Meter bis zur Station mit mir. Alle sind sie da. Auch das Glas Cola. Danke! Ich erzähle ein wenig, lasse Frust ab, und muss innerlich schmunzeln da Nicole immernoch ungläubig schaut. 6:25h bin ich nun schon unterwegs. 38,7 km sind gelaufen und über 50km bis ins Ziel.

Supportcrew/ Fanclub an der Hämmermoosalm

Supportcrew/ Fanclub an der Hämmermoosalm

Downhill-Lover und Grinsebacke

Mein Vater erzählt mir das der Mann mit dem Schnauzer vor kurzer Zeit hier war. Herbert? Herbert! So nah bin ich am badischen Duracell-Hasen? Vielleicht hole ich ihn ja sogar ein? Im letzten Jahr hatte er auch Probleme am Scharnitzjoch. Ich fülle meine Reserven auf und verabschiede mich.
Jetzt geht es hoch zur Wettersteinhütte und zum höchsten Punkt des Rennens, dem Scharnitzjoch (2.048m). Zügig gehe ich hoch und stelle fest das ich an der Station nichts gegessen habe. Nicht gut. Hoffentlich rächt sich das nicht. Ich schiebe einen Riegel in den Rachen. Das hilft.

Uphill zum Scharnitzjoch

Uphill zum Scharnitzjoch

Trail zur Wetterstein-Hütte

Trail zur Wetterstein-Hütte

Auf dem „Wurzigen Steig“ kann ich sogar rennen. Immer wieder hole ich Läufer ein und kann sie hinter mir lassen. An der Wettersteinhütte angelangt sehe ich die Strecke zum Scharnitzjoch. Schlamm! Das wird ein Spaß. Okay, andere bezahlen viel Geld für Schlammpackungen. Wir erhalten sie als Inklusivleistung.

Meine Motivation: Rote Kappe und gelbe Jacke. Herbert! Tatsächlich. Nur einige hundert Meter vor mir stöckelt er durch die Pampe.

Herbert auf dem Weg zum Scharnitzjoch

Herbert auf dem Weg zum Scharnitzjoch

Nur nicht zu schnell. Alles ist gut und schön, aber es sind auch noch einige Kilometer bis ins Ziel. Kontinuierlich setze ich den Stock in die Wiese. Kontinuierlich stapfe ich durch den Matsch der mal ein Trail war.

Aufstieg zum Scharnitzjoch

Aufstieg zum Scharnitzjoch

Kontinuierlich komme ich Herbert näher. Es schneit und überall liegt jetzt Schnee. Was für ein Sommer.
Auf halber Strecke zum Joch hole ich ihn ein. Er ist nett und zeigt seine Enttäuschung nicht. Wer konnte schon ahnen das ich ihn einhole. Und das noch am Berg.
Ich hoffe er bekommt kein Trauma.
Wir reden etwas. Er hat etwas Probleme und ich bleibe bei ihm und „ziehe“ ihn den Berg hoch. Die zwei Minuten die ich schneller oben gewesen wäre, nein. So reden wir und tauschen uns aus. Ein Plausch gehört auch zu einer Monstertour wie dieser. Oben auf dem Scharnitzjoch angekommen machen wir gegenseitig Bilder, trinken Cola und bestaunen den Schneemann von der Bergrettung.

Schneemann auf dem Scharnitzjoch

Schneemann auf dem Scharnitzjoch

Auf der anderen Seite geht es runter. Downhill bis zum Hubertushof. Und wieder Schlamm! Und was für welcher. Die Läufer welche wir sehen sind alle am rutschen, gleiten, hinfallen, fluchen … Mein Mund formt sich zu einem breiten Grinsen. Da darf ich jetzt runter. Das wird ein Spaß! Im Gegensatz zu den meisten anderen Startern liebe ich den Downhill.

Ich packe den Stock weg und ernte Unverständnis der Bergrettung. Jedoch brauche ich die freie Hand für das Gleichgewicht und fühle mich ohne Stock wesentlich sicherer. Herbert rennt los. Ich hinterher. Nach einigen Metern helfe ich zwei Damen die sich nicht trauen einen Absatz zu gehen. Die werden noch Spaß haben.

Downhill von Scharnitzjoch

Der Matsch-Downhill vom Scharnitzjoch

Und nun geht es los. In einem Affen-Tempo sause ich gen Tal. Überhole zuerst Herbert und dann viele andere. Es ist anstrengend und gefährlich. Immer wieder rutsche ich. Kann mich gerade noch fangen. Telemark, wie beim Skispringen. Es ist so geil! Über die Wiese gleite ich eher als das ich renne.
Die Sicht wird wieder schlechter und unter den Augen der Kühe in den Wolken überhole ich immer mehr Läufer. Wenn ich halsbrecherisch vorbei laufe sehe ich in die ungläubigen Augen.
Ist halt nicht jedermanns Sache.

Pferde im Nebel

Pferde im Nebel

Asphalthass und „Wo ist Carsten?!“

2:50h hatte ich für die Strecke geplant. Nach 2:44h stoppt die Uhr den Downhill-Wahnsinn. Später in der Auswertung sehe ich: Auf diesem Abschnitt habe ich über 60 Plätze gut gemacht! Es sollte Matsch-Downhill-Rennen geben.

Am Hubertushof sind die Wechselsachen deponiert. Ich esse erstmal Kuchen, wasche mir den Schlamm aus dem Gesicht und hole meine Tasche. Draussen stehen Nicole, Mischa und mein Vater. Die anderen Beiden mussten zurück da sie morgen nach Spanien aufbrechen. Toll das ihr trotzdem da wart. Hat mich sehr gefreut.

Verpflegung Hubertushof

Verpflegung am Hubertushof

Eigentlich hatte ich einen kompletten Wechsel meiner Sachen geplant. Es würde sich auch anbieten da alles nass und dreckig ist. Doch ich habe keine Lust die Schuhe auszuziehen und so weiter.
Ich wechsle nur das Trikot, die Jacke und die Handschuhe. Sehr angenehm. Vielleicht spare ich mir das umziehen auch um Zeit zu sparen.

Herbert kommt. Und irgendwie habe ich jetzt doch den Sportgeist in mir geweckt und will ihn hinter mir lassen. Die Chancen stehen schlecht da jetzt fünf flache Kilometer Forstweg und Straße kommen und später nochmal über 10km Schotterwege. Nicht meine Welt. Und wenn ich wandern muss, dann wird Herbert Zeit gut machen und mich überholen können. Tschö und weg bin ich.

Auf der Straße entlang

Auf der Straße entlang

Dieser Abschnitt ist ätzend. Im Tal am Bach entlang. Unspektakulär. Ich zwinge mich zu laufen. Langsam, aber stetig. Die Motivation ist am Eingang der Geisterklamm: Cola! Einige Dosen und Becher habe ich schon intus. Trotzdem ist es eine Belohnung und DER Motivatior. Auf der Landstraße. Drei Kilometer am Straßenrand. Schön ist anders. Nach 45 Minuten ist der Spuk beendet. Ich mag auch nicht mehr. Kurzer Cola-Stopp und weiter auf dem Weg runter nach Mittenwald.

Unten treffe ich auch zum letzten Mal vor dem Ziel auf mein Support-Trio. Es ist kurz vor 18Uhr. Mindestens sechs Stunden werde ich noch brauchen. Letzte Riegel und Cola-Dosen wechseln den Besitzer. Wir verabschieden uns und wünschen eine Gute-Nacht. Wenn wir uns das nächste Mal treffen ist es Nacht. Wenn ich durchkomme.

Von Mittenwald durch den Wald hoch werde ich am Verpflegungspunkt „Schützenhaus Mittenwald“ ausgespuckt. Im letzten Jahr bekam ich von (sooorrryy Namen vergessen) Bier. Und auch diesmal wird es mi angeboten. Doch ich verzichte. Es sind noch 35 Kilometer. Besser nichts riskieren. Wir reden kurz und erzählen das Carsten auch immer Bier trinkt. Heute war er aber noch nicht vorbei gekommen. Echt? Dann bin ich also auch vor ihm? Jetzt bin ich selbst überrascht. Später stellt sich heraus das ich ihn am Hubertushof überholt habe wo er abgebrochen hat. Doch das weiß ich nicht. Ich bin also nun verfolgt von Herbert und Carsten. Jeden Moment können sie auftauchen. Jetzt wird das doch noch ein Wettkampf.

Mag keinen Forstweg mehr

Mag keinen Forstweg mehr

Doch nicht nur die Verfolger treiben mich. Auch ein Teil der Strecke. Auf keinem Fall will ich im dunkeln den Kälbersteig runter. Schon bei gutem Wetter ist es schwierig und immer schlammig. Am heutigen Tag die Hölle. Die dichten Wolken lassen es bereits dämmern.
Ich passiere den Ferchensee mit Verpflegung. Hier beginnt ein langer Teilabschnitt mit kleinen giftigen Anstiegen und alles auf Schotter. Bereits vor zwei Jahren beim Basetrail habe ich das Stück gehasst. Es zieht sich endlos durch den Wald. Du siehst nichts und irgendwie hast du auch keine Ahnung wie weit es noch ist. Irgendwann muss der Kälbersteig-Downhill kommen. Tut er aber nicht.

Ferchensee

Ferchensee

Ich bin genervt und frustiert. Doch ich renne was geht. Auf den langen Geraden sehe ich noch keinen Herbert oder Carsten. Ich kämpfe. Ich singe. Ich plane dumme Sachen. Ich will mit Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ ins Ziel laufen.

Endlich. Der Downhill runter ins Reinthal beginnt. Wie vermutet übel zu laufen. Am Anfang geht es noch, doch weiter unten im Wald ist es bereits so duster das ich kaum etwas sehe. Natürlich bin ich zu faul um die Stirnlampe rauszuholen. Irgendwie muss ich jetzt noch bis zur Verpflegung kommen. Glitschige Wurzeln. Rutschiger Matsch. Kaum Sicht. Was für Bedingungen.

Downhill Kälbersteig

Der Kälbersteig Downhill

Matschiger Kälbersteig

Matschiger Kälbersteig

Vom Tal bis zur Partnachalm geht es steil am Hang hinauf. Ich spüre wie meine Kraft nachlässt und gönne mir immer wieder Pausen.
rEssen. Trinken. Stück gehen. Pause. Ein kleiner Schwatz mit anderen Teilnehmern und irgendwann erreiche ich die Alm. Ich krame meine Stirnlampe raus. Inzwischen ist es schon so duster das es ohne bald nicht mehr gehen wird. Die Temperatur ist zwar kühl, doch mir ist nicht kalt. Lediglich eine trockene Mütze ziehe ich über.

Das Beste kommt zum Schluß – oder doch nicht? Der Aufreger nach 80km

Genug pausiert. Bestimmt 10 Minuten habe ich Kuchen, heiße Brühe und Tomaten in mich geschaufelt. Es lief sehr gut, doch der lange Abschnitt nach dem Ferchensee und dem ungeliebten Schotter hat mir die Kraft gezogen. Jetzt war sie wieder da. Vielleicht auch wegen der Vorstellung bald im Ziel zu sein. Es ist 21:15 Uhr. Vor Mitternacht im Ziel? Ich schreibe noch eine SMS (welche nie ankommen wird).

Die letzten Kilometer haben es nochmals in sich. Anfangs hoch und runter auf Schotter, dann die endlosen Serventinen zum Längenfelder hoch, ein Verpflegungspunkt, die Belohnung für alles (Downhill Jägersteig), zwei Kilometer Asphalt durch Grainau … und dann war es das. Ziel.

Meine Lupine lässt den Wald erstrahlen. Eine sehr gute Anschaffung. Ich singe Helene. Das hält mich wach. Die Kraft ist zurück gekommen. Nur ein wenig müde nach der schlaflosen Nacht und dem langen Tag. Den Aufstieg zum Längenfelder kenne ich auch vom Basetrail 2013. Er schlängelt sich in zahllosen Kehren den Berg hoch.

An einer Hütte unten sind zwei Bergwachtler am Lagerfeuer. Ich frage sie ob sie denn wissen wie hoch ich muss. So könnte ich auf der Uhr sehen wie weit es noch nicht. Doch sie wissen es nicht genau. Viel schlimmer aber: „Oben ist eh Schluß. Ihr werdet mit der Bahn runtergefahren.“ WWWAAASSSSS???? Ne. Oder? 80 Kilometer gelaufen und dann kein richtiger Zieleinlauf? Fuck. Das hätten sie ja auch auf der Partnachalm sagen können. Dann wäre ich dort geblieben. Wa soll das denn? Jägersteig zu gefährlich im dunkeln? Ach was. So schlimm ist der auch nicht und Scharnitzjoch ging doch auch.

Trotzdem gehe ich weiter und biege auf den Trail ab. Kopfkino. Oben Schluß? Schlechter Scherz hoffe ich. Wäre das ganze Training, die vielen Stunden in Laufschuhen und der ganze Aufwand für die Katz? Nur weil drei Kilometer „nicht laufbar“ wären? Ich rege mich tierisch auf. Wut kommt hoch. Nachdem die Strecke umgeleitet wurde und auch die Schleife oben zur Alpspitzbahn gestrichen wurde. Die Wut treibt mich den Berg hoch. Wenn oben Schluß ist, dann gebe ich jetzt nochmal alles. Inzwischen regnet es wieder stärker. Ich laufe eher in einem Bachbett als auf einem Pfad.

Canyoning statt Trailrunning

Dank des hellen Lichtes sehe ich gut. Alles oder nichts. Keuchend geht es aufwärts. Ab und zu überhole ich Andere oder werde überholt. Ich bin gut unterwegs. Rennen geht hier definitiv nicht. Aber Speed-Hiking. Allmählich kommt das Licht näher. Die Verpflegungsstation am Längenfelder. Oben angekommen läuft mir Robert mit der Kamera entgegen und ich frage ihn ob jetzt Schluß ist. „Aber du musst ja noch den Jägersteig in Ziel runter!“ sagt er. Echt? Ja! Geil! Engel! Ich wöllte ihn am liebsten abknutschen so sehr freue ich mich.

Die letzten Schritte eines langen Tages

An der Station trinke ich nur eine Tasse heißen Tee. Den Jägersteig und dann ist es geschafft. Vor Mitternacht ist machbar. Es ist 22:55 Uhr.

Jetzt bin ich doppelt motiviert und fliege den schmalen Pfad hinab. Die Lupine leuchtet auf größter Stufe. Andere Läufer machen mir Platz. Vermutlich haben sie Angst. Es ist rutschig und glitschig. Und dann komme ich: Zwei Meter hoch und eine Stadionleuchte auf dem Kopf. Unglaublich das ich nach 85 Kilometern bei Sauwetter noch renne. Ich muss grinsen. Wie beim Downhill vom Scharnitzjoch. 900 Höhenmeter ins Tal später bin ich in Hammersbach. Noch zwei Kilometer durch das Dorf. Wäre doch gelacht wenn ich das nicht schaffe.

Ich rufe Mischa an und sage das ich in ca. 15 Minuten da. Verwunderung macht sich breit. „Jetzt schon?“ „Ja, ich komme!“

Sie hätten erst gegen 1 Uhr mit mir gerechnet da alle sehr lange beim Abstieg gebraucht haben. Nunja, ich nicht. Und so laufe ich durch das nächtliche Grainau und lasse den Tag Revue passieren. Eine gewaltige Strecke und doch habe ich es geschafft. Kein Regen, kein Schnee, kein Matsch konnte ich daran hindern.

Um 23:49Uhr, nach 16:31:49 min laufe ich durch den Bogen an welchem ich um 7:15Uhr gestartet war. Geschafft! Klitschnass und very happy.

Zieleinlauf nach 16:32.49h (16:31:49h netto)

Zieleinlauf nach 16:32.49h (16:31:49h netto)

Epilog

Herbert kommt knapp eine Stunde nach mir ins Ziel. Das ich das noch erleben darf.

Leider ist es durch das Wetter und die Streckenänderung nicht dazu gekommen endlich die 100km zu knacken. 91km sind jedoch auch beachtenswert.

Aber nicht die Distanz alleine, sondern das „WIE“, begeistert mich. Ich war schnell und sehr gut unterwegs. Landete in der vorderen Hälfte des Feldes. Wanderte weniger. Und, hatte keine Probleme mit dem Magen oder Sonstigem.
Es war ein tolles Erlebnis und eine Erfahrung die ich nicht missen möchte. Jetzt ist der Weg frei für noch mehr Streckenvielfalt und neue Distanzen. Bis 100km? Warum nicht. Habe doch schon geschafft.

Finisher Foto

Finisher Foto

Bei der Siegerehrung und dem Gruppenbild war ich mächtig stolz. Und hungrig. Es blieb nicht bei einer Weißwurst. Bier und diverse Brezeln fanden ebenfalls den Weg in meinem Mund. Zm Glück hatten wir erst am Montag Abreise. So verbrachte ich den Tag schlafend und essend in Grainau.

Füße - oder das was übrig geblieben ist

Füße – oder das was übrig geblieben ist

Vielen Dank an meine wunderbare Support-Crew, Nicole, Silke, Mischa, Dirk und natürlich meinen Edel-Supporter, meinem Vater. (Du bist wieder gebucht!)

Danke an Trainerschnittchen Julia. Ich bin mir nicht bewusst ob du daran geglaubt hast das ich es schaffe. Aber bei dem Training …

Danke auch an Plan-B für die Organisation dieses Familientreffens an der Zugspitze. Die Entscheidung nicht oben zu laufen war richtig. Sicherheit geht vor. Lediglich die Kommunikation zwischen den Posten sollte verbessert werden. Die lange Hose war unten unnötig und die Falschinfo blöd.

Und nun noch: Die verworrene Geschichte mit Lisa’s Tights

Bei der Siegerehrung gab ich Lisa ihre Jacke wieder. Wusste aber nicht mehr das es auch eine Hose gab. Das stellte ich dann erst mit der Wäsche fest. Nun war sie da und irgendwie haben wir uns bei keinem Wettkampf mehr gesehen.
Auf Facebook kommentierten wir zu einem gemeinsamen Termin. Als ich erwähnte das ich noch eine Hose von ihr habe … fing es an.

„Warum hast du eine Hose von Lisa???“
Okay, ich hätte aufklären können. Aber ich antwortete:
„Die hat mir mein Vater gegeben.“

Nun waren alle vollends verwirrt und im Kopf ging das Kino los. Bei der Richtigstellung gab es nur müdes Lächeln.

Meinungen & Diskussion

Ich freue mich auf rege Diskussionen und vor allem deine Meinung.
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  1. Kommentatoren Gravatar Chris sagt:

    Cooler Bericht! Erinnere mich direkt wieder an meinen ZUT! Und echt flink bist du ja auch unterwegs! ✌?️??

    1. Kommentatoren Gravatar Robert sagt:

      Danke sehr. Wann bist du denn gelaufen? In 2014? Da müsste ich dich ja auf meinen Bildern haben?!
      Flink ist relativ. Aber für die Strecke war es vollkommen okay.

  2. Kommentatoren Gravatar robert sagt:

    Hallo Großer,
    toller Bericht vom leicht regnerischen Ultratrail.
    Super Leistung!
    Und von Dir als Finisher zum „Engel“ ernannt zu werden, ist ja fast schon ein Ritterschlag…

    bis bald, irgendwo in den Bergen

    robert

    1. Kommentatoren Gravatar Robert sagt:

      Hi Namensvetter,
      Danke des Lobes. Und ja, um 23 Uhr da oben kamst du mir entgegen und sagtest das was ich gehofft hatte: Jägersteig-Downhill. Wenn kein Engel, dann Prophet!

      Bis bald
      Viele Grüße
      Robert

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