DNF beim Raidlight Sardona UltraTrail 2014

2. September 2014 in Trailrunning

Da war es passiert. Mein erstes „Did-not-Finish“ (nicht ins Ziel gekommen, Aufgabe). Peinlich, Willenslos, Kampfesmüde, Feigling, Weichei… NEIN! Alles Richtig gemacht, weise entschieden, auf den Körper gehört und mentale Stärke bewiesen.

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Batöni Wasserfälle

Batöni Wasserfälle und mein Begleiter

Da war es passiert. Mein erstes „Did-not-Finish“ (nicht ins Ziel gekommen, Aufgabe). Peinlich, Willenslos, Kampfesmüde, Feigling, Weichei… NEIN! Alles Richtig gemacht, weise entschieden, auf den Körper gehört und mentale Stärke bewiesen.
Irgendwann musste es kommen und beim Sardona UltraTrail muss ich mich noch nicht einmal schämen da ich in guter und zahlreicher Gesellschaft war. Ist ein DNF wirklich so schlimm wie es Triathleten Bühnenreif theatralisieren? Fangen wir von Vorne an.

Bereits im letzten Jahr stand ich an der Startlinie des Halbmarathon Rennens am Pizol. Damals war ich kurz zuvor erkrankt was mich an der Teilnahme des Marathons hinderte. Aber auch diese Strecke war schön und ich hatte noch genug Zeit um Fotos zu machen. Die logische Konsequenz war natürlich folgend auf die 20km… die 58km… warum nicht mal was Neues probieren und die 4.100 Höhenmeter vergehen doch im Flug. Leichte Selbstüberschätzung gepaart mit Leichtsinn? Nicht unbedingt. Gut trainiert hatte ich und das Training in der Vorwoche lief gut. Ich wollte es wagen.

Kuscheltier Shooting

Am Freitag Nachmittag ging es nach der Arbeit Richtung Sargans. Gepackt und wie immer mit viel zu viel Gepäck checkte ich an der Talstation der Pizol Bahn ein. Einige bekannte Gesichter waren schon da. Christian, Judith , Umberto, Jürg… die Szene ist nicht klein, aber man trifft sich immer wieder.
Mein Zimmer war im Hotel Alpina, direkt am Start. So stieg ich in die Gondel ein. Es war die Kindergondel. Sehr geil! Kuscheltiere bis zum Abwinken. Natürlich musste ich alle aus der Kiste befreien und posieren lassen. Fotoshooting während der Auffahrt.

Kindergondel

Kindergondel

Schlaflos am Pizol

Der Abend verging schnell mit Essen und lesen. Die Nacht dauerte um so länger. Einerseits machte mir die Höhe wohl zu schaffen (das Hotel liegt immerhin auf 1.600m) und zum Anderen schwirrten mir wieder Gedanken im Kopf herum die ich dachte inzwischen mal hinter mir gelassen zu haben. Aber Enttäuschungen liegen tief. An richtigen Schlaf war nicht zu denken. Selbst das Hörbuch bei welchem ich sonst sofort einschlafe hörte ich durchgehend bis zum Ende. Insgesamt vielleicht zwei Stunden geschlafen stand ich auf und ging mit riesigen Augenringen zum Frühstück.
Schlecht gelaunt war ich dennoch nicht, freute ich mich doch auf die Strecke. Das Wetter schien auch nicht so zu schlecht zu werden. Hauptsache kein Regen.

Vor dem Start

Vor dem Start

Startnummer

Startnummer

Nach der Ausrüstungskontrolle und kurzem Geplauder wurden wir kurz und schmerzlos auf die Strecke geschickt. Der erste Kilometer ist einfach, aber bereits der erste Anstieg und die folgende Querung einer Kuhkoppel offenbarte was es für eine Schlammschlacht werden würde. Immer wieder rutschte ich weg oder sank tief im Modder ein. Laufen war fast unmöglich.

Kurz nach dem Start zum Sardona Trail

Kurz nach dem Start zum Sardona Trail

An den Steinmännchen

An den Steinmännchen

Ganz grob konnte ich abschätzen wie ich im Zeitplan lag und spätestens an der Gaffia- Hütte, dem ersten Verpflegungsposten, hatte ich gegenüber dem letzten Jahr schon einiges an Zeit verloren. Bis zum ersten CutOff war es noch weit und insgesamt hatte ich nur 3.5 Stunden Zeit. Ich stresste mich und trieb mich den Berg hoch. Die Müdigkeit kroch aber nicht aus den Gliedern. Immer wieder musste ich Pausen einlegen. Die Sicht war nur eingeschränkt womit es noch härter wurde. Im Nebel stocherte ich mit meinem Stock den Berg hoch. Immer wieder im Kopf rechnend versuchte ich Gas zu geben und vergas das Essen. Eigentlich wollte ich jede Stunde ein Gel schlucken. Aber ich musste voran kommen. Ein Fehler. Kurz vor Wildseelugen rissen die Wolken ein wenig auf und gaben etwas Aussicht auf die Gegend frei. Es würde knapp werden mit 3.5 Stunden. Da ich die Strecke kannte konnte ich mir die Kraft gut einteilen und schaffte den CutOff gerade so fünf Minuten vor der Zeit.

Marianne

Marianne

Sardona Trail

Sardona Trail

Unkonzentrierte Downhill Rutscherei

Es brauchte eine kurze Zeit um zu überlegen ob ich auf die kurze Distanz abbiege oder weiter mache. Es ging mir gerade nicht perfekt, aber auch nicht schlecht und jetzt hätte ich bis zum nächsten CutOff genug Zeit. Eine fatale Fehleinschätzung! Die beiden ersten CutOff’s sind im Vergleich zu den danach Folgenden sehr eng gesetzt. Geplant hatte ich für den Abschnitt Wildsee bis Batöni ca. eine Stunde. Es wurde wesentlich mehr.
Zunächst am Wildsee mit leichtem aber fast nicht laufbarem „Scrambling“ entlang Richtung Lavtinasattel. Auf einem eigentlich einfachen Abschnitt rutschte ich weg und schlug mit dem linken Bein auf Stein. Ein lauter Fluch und kurz schwarz vor Augen wegen des Schmerzes und ich stand wieder auf. Kurz überlegte ich zurück zu gehen und abzubrechen, aber ein Indianer kennt keinen Schmerz! Mühsam quälte ich mich den Anstieg hoch. Sehr steil und rutschig. Ausblick gab es keinen. Wolken verdeckten jede Sicht. Den Posten der Alpinrettung auf dem Sattel konnte ich erkennen. Aber schneller ging es nicht. Noch bis dort oben und dann geht es bis zum CutOff nur noch bergab.

Lavtinasattel

Lavtinasattel

Oben angekommen sah ich den Downhill. Unter normalen Umständen hätte ich die Bremsen gelöst und wäre jubelnd runter gestürzt. Heute war da kein Jubel. Nur Ernüchterung. Was für eine rutschige Scheiße! Nicht ganz senkrecht über Geröll in engen Kurven schlängelte sich der Trail ins Tal. Es war die Müdigkeit und vielleicht auch Erschöpfung die mich Unkonzentiert werden liessen. Mehrmals rutschte ich weg oder stürzte. Völlig unnormal für mich. Der Wahrheit das es heute nicht sein sollte ins Auge blickend machte ich langsam und hängte mich an einen Marathoni welcher auch nicht schnell, aber sicher unterwegs war. Ich fühlte mich sicherer mit ihm, aber rutschte dennoch ständig. Sorry fürs Fluchen!

Die nicht so steilen Abschnitte waren so tief verschlammt das Rennen nur schwierig möglich war. Es machte mir inzwischen auch keinen Spaß mehr. Die Wolken hatten ein Einsehen und gaben jetzt den Blick zu den Wasserfällen frei. Atemberaubend! Wenigstens das konnte ich nun geniesen.

Batöni Wasserfälle

Batöni Wasserfälle und mein Begleiter

Ein bisschen Stolz bleibt!

Batöni und somit der nächste CutOff kam nicht in Sicht. Innerlich hatte ich mich schon von der 58km Strecke verabschiedet und wollte auf die Marathon Distanz wechseln. Dennoch wollte ich es aus eigener Entscheidung und nicht etwa weil ich den CutOff in Batöni nicht geschafft hätte. Noch 15 Minuten! Jetzt konnte man erahnen wo der Kontrollposten war. Das könnte eng werden. Ich überholte meinen Begleiter und rannte was noch ging. Stürze inklusive schaffte ich den CutOff wieder knapp vor der Zeit und konnte nun selbst entscheiden auf die 42 Kilometer zu gehen. Ich hatte geplant hier zu rasten und ausgiebig das Mittag zu geniessen. Nix da! Hier gab es nur Gels und Wasser aus dem Bach. So clever an meine im Rucksack befindliche Verpflegung zu gehen war ich leider nicht mehr.

Einfach nur Matsch

Einfach nur Matsch

Nach einem kurzen Plausch folgte ich dem Trail talwärts Richtung Schwendi wo die große Verpflegung mit Cola, Salzis usw kommen sollte. 10 Kilometer und gut 500 negative Höhenmeter auf zum Teil verschlammten Pfaden. Jetzt hatte ich Zeit. Ich riskierte nicht mehr viel, machte langsam und konnte im Bach meine IceBucketChallenge zu der mich Marc nominiert hatte aufnehmen. Mehrere Ausrutscher im Matsch liessen mich übel aussehen. Frisch sah ich schon längst nicht mehr aus, aber das gab mir den Rest. Inzwischen lugte auch die Sonne raus und machte sich spürbar. Im Tal war es um einiges wärmer. Ich zog die Ärmlinge und Handschuhe aus. Jetzt ging es bis Schwendi weitgehend auf Straße und Forstwegen. Entgegen der Annahme das es nur talwärts ginge kam nochmal ein Anstieg in der prallen Sonne. Dies war mein finaler „Todes“stoß. Nicht ging mehr. Ohrenpfeifen und großer Druck, schwarz vor den Augen. Aus! Da ich solche, nennen wir es, Anfälle schon öfter hatte, wusste ich das ich schnell in den Schatten musste um mich hinzusetzen. Spätestens jetzt musste ich mir eingestehen das es mit der Marathon Distanz auch nichts werden würde. Mein erstes DNF! Ich würde in Schwendi aussteigen müssen.
Einige Läufer später kam Jürg. Ich muss Mitleidserregend ausgesehen haben. Ein Stück klemmte ich mich an ihn. Irgendwann müsste Schwendi nun kommen. Jürg liess ich ziehen und wünschte ihm alles Gute für das letzte Stück was nochmal mit 14km und 1.400 hm einiges abverlangen würde. Nach zwei Kilometern und fast 25 Minuten sah ich die Verpflegung im Tal und schleppte mich dahin.

DNF – schlimm?

Abgemeldet, Chip abgegeben, getrunken, Tablette gegen bzw. für den Kreislauf von der Sanität (danke!) und irgendwie klappte es das ich ein Alpinretter mit zur Talstation nahm. Aber wir warteten noch etwas und so hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. DNF, mein Erstes! In dem Moment ein richtig beschissenes Gefühl. Die anderen Läufer gehen an dir vorbei und du weisst sie werden es schaffen, ein Diplom erhalten es geschafft zu haben, überall erzählen können was sie geleistet haben! Und ich? Den ersten Ultra verkackt und Marathon bei 30 Kilometern abgebrochen. So recht konnte ich es nicht einordnen. War es mir peinlich? War es ein Zeichen das ich nicht genug kämpfe? Bin ich ein Weichei? Ein Feigling?
NEIN! Es war die einzig richtige Entscheidung dieses Tages!

  • Gekämpft hatte ich – Wildseeluege vor dem CutOff noch weiter gemacht
  • Weichei? – Regen, eiskalter Wind und mit Prellung weiter gelaufen
  • Peinlich? – peinlicher, teurer und egoistischer wäre es gewesen ich wäre weiter gelaufen und auf halber Höhe am Berg umgekippt.

Es benötigt eine geistige und mentale Stärke um zu Kämpfen, aber auch sich einzustehen das es heute einfach nicht geht. Diese Entscheidung schlägt im Kopf quer, man denkt daran, aber letztendlich muss man den Schritt wagen um schlimmeren Auswirkungen entgegen zu wirken. Es wäre niemanden geholfen wenn ich gerettet hätte werden müssen. Im Gegenteil, ich hätte noch Andere wegen meiner eigenen Dummheit in Gefahr gebracht. Vielleicht wäre die Saison zuende gewesen, Norwegen ins Wasser gefallen. Und alles nur weil ein falscher Stolz mich weitergetrieben hat? Nein, um keine Medaille der Welt.
Ich sage deshalb, ein DNF ist nicht das Ende der Welt, es gibt genug Läufe und im nächsten Jahr auch den Sardona.

Auf der Rückfahrt, danke für das Mitnehmen, schwirrten mir immer noch die Gedanken im Kopf. Was erzähle ich oben den Anderen? Die Wahrheit! Habe ja nichts Falsches gemacht. Nach dem ersten Bier auf der Hotelterrasse ging es mir schon wieder gut und konnte mich für die Finisher mitfreuen.
Mir blieb es heute verwehrt, aber um Paulchen Panther zu zitieren:

Es ist nicht aller Tage Abend, ich komme wieder, keine Frage!

Vor dem Wildsee

Vor dem Wildsee

Danke!

Julia – das ich Dich zur Verzweiflung gebracht habe doch die lange Distanz zu wagen um am Ende doch ein wenig auf Dich zu hören
den Alpinretter der mich mit ins Tal genommen hat!!!
Umberto – für dieses geniale Event mit tollen und hammerharten Trails. Nächstes Jahr wieder!
Alle die mich im Ziel und auf Facebook getröstet haben und erst so richtig klar gemacht haben wie richtig es war abzubrechen

Wie ist es euch bei eurem ersten DNF ergangen?

Meinungen & Diskussion

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  1. Kommentatoren Gravatar Wolfgang sagt:

    Servus aus Salzburg!

    DNF ist weder peinlich, noch sonst irgendetwas. Ein Mensch ist keine Maschine und nicht jeden Tag gleich. Es gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, sich gegen sein eigenes Ego zu stellen und es ist nicht wichtig was andere darüber denken. Jeder gute Sportler kennt das, man hat trainiert und dennoch gibt es immer einen kleinen Prozentsatz Unsicherheit. Nichts ist hundertprozentig, und bis ins letzte kalkulierbar. Großen Respekt gehört demjenigen, der bei einem Bewerb aufgibt um beim nächsten mal wieder an der Startlinie zu stehen.

    Liebe Grüße,
    Wolfgang

    1. Kommentatoren Gravatar Robert sagt:

      Wolfgang, danke. Das mit dem Ego stimmt. Oft wollen wir es uns nur selbst nicht eingestehen das es halt mal nicht geht!

  2. Kommentatoren Gravatar Patric sagt:

    Servus ,
    alles bene, nur gute Entscheidungen im Rennen. Wenns nicht passt am Tag vorher und die ersten 20-30km, dann muss man auch die mentale Stärke haben, mal auszusteigen, gesund und heil aufs nächste Event zu gehen. Diese Ultrtrails sind mehr mental als physisch – Top damit auch so offen umzugehen. Stand schon selber vor dieser Entscheidung , mehr als einmal und ich bereue kein DNF. Das nächste Event kommt und wird wieder Spaß machen.

    Also weiter so!

    1. Kommentatoren Gravatar Robert sagt:

      So ist es! Danke für Deine Zustimmung

  3. Hallo Robert!
    Ich finde, deine Entscheidung das Rennen zu beenden war die einzig richtige. Ich hätte das genauso gemacht! Man kann so gut vorbereitet sein wie man will, es gehört auch Glück dazu einen Ultra zu finishen. Ein Restrisiko bleibt immer u das für jeden Teilnehmer. Stürze können jeden treffen-genauso dass das Hirn in seiner Konzentration mal einen schlechten Tag hat. Die Verhältnisse auf Grund des vielen Regens waren schwer am Wochenende. Vor dem drohenden kolabieren auszusteigen gehört genauso zur Eigenverantwortung wie eine angemessene Ausrüstung mit sich zu führen. Für mich bist Du ein Kämpfer! Freu Dich auf Norwegen u blicke nach vorne ;-)
    Lieber Gruß Simone

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