Rubihorn solo, for free - von ganz unten, ganz hoch
Rubihorn solo, for free - von ganz unten, ganz hoch
Wolkenmeer über Oberstdorf im Allgäu
Der Winter am Bodensee ist nicht schön. Grau, Nebel, selten lässt sich die Sonne blicken und dann ist es aber auch schon wieder dunkel. Da hilft ab und zu die Flucht in die Berge. Sonne tanken und den Horizont sehen.
Diese Woche war anstrengend. Vorallem für den Kopf. Die Scheidung ist nun durch und mein Kopf auch. Zu Hause wäre mir die Decke auf den Schädel geknallt, also ins Auto und auf nach Oberstdorf. Die Webcam verspricht gutes Wetter auf dem Berg. Voller Optimismus habe ich sogar die Schneeschuhe eingepackt. (nein, Schnee gab es natürlich keinen)
Die graue Suppe und die Nacht verfolgt mich bis zum Hotel. Diesmal habe ich mir ein Zimmer außerhalb vom Dorf reserviert. Im Explorer Hotel. Warum? Weil ich keinen Urlaub habe bzw. es sich nicht klären ließ ob es geht. Aber arbeiten war nur teilweise möglich, krankschreiben muss nicht sein und dank dem WLAN im Hotel kann ich wunderbar die Aufgaben und Termine trotzdem machen.
Am Abend mit Flo das ein oder andere Bier vernichtet und den Donnerstag morgen gearbeitet. Es ist kurz nach Mittag und ich muss raus. Sachen umgepackt, Webcam gecheckt und raus auf den Berg. Bis zur Seealpe ist Nebel und es ist nass. Immer wieder rutsche ich aus auf dem schmalen Pfad quer durch den Wald. Talwärts werde ich die Straße nehmen. An den Serpentinen lichtet sich die Wolken und es wird schlagartig sonnig und mild. Der Schweiß tropft und ich komme immer weiter in Richtung Niedereck. Die ersten Seilpassagen habe ich schonalleine gemeistert, aber ab der Hälfte auf dem Grat war ich bisher nur mit Flo unterwegs. Heute bin ich auf mich alleine gestellt und relativ müde.
Wolkenmeer über Oberstdorf im Allgäu
Es gibt für mich drei Schlüsselstellen an denen es für mich schwierig ist da das Seil auf der „falschen“ Seite ist bzw. ich das Gleichgewicht gut verlagern muss um nicht rückwärts zu kippen. Einarmig ist es dann doch etwas komplizierter. An der letzten Stelle überlege ich lange ob ich es mache. Aber so kurz vor dem Gipfel? Langsam und vorausschauend mit festem Tritt schaffe ich es. Eine Herde Gämsen beäugelt mich. „Lacht mich nur aus ihr Angeber!“, denke ich mir.
Wolkenmeer über Oberstdorf im Allgäu
Geschafft! Ich bin am Gipfel. Alleine. Über dem Wolkenmeer bietet sich in der Abendsonne ein Panorama bis zum Grünten und Säntis. Das Nebelhorn ist klar und ich befürchte das ich Sonnencreme auftragen hätte sollen. Viele Fotos später und den Kopf frei geatmet breche ich gen Tal auf.
Rubihorn Gipfel
Gipfelkreuz Rubihorn
Bald wird es dunkel und ich habe noch die schwierigste Stelle vor mir. Auf dem Hinweg kein Problem. Auf dem Rückweg, uffff. Fünf Minuten später stehe ich vor dem Felsen neben dem Abgrund. Die Sicherung ist rechts und hört zu früh auf. Oben habe ich keinen Griff und ich muss nach rechts. Links ginge zum Halten, rechts ist mein Handicap. Ich nehme den Rucksack ab und werfe ihn hoch. Kurzes prüfen ob alle Steine fest sitzen, rechten Fuß aufsetzen, Schwung holen und hoch. Mit dem linken Bein schwinge ich über die Kante und ich lande unsanft auf der oberen Kante. Geschafft! Nach einem kurzen Jammern weil ich mit dem Knie auf einen Stein aufgeschlagen bin stehe ich auf und schreie ein lautes „Yessssss“ in das Wolkenmeer hinunter.
Seil versicherte Stelle kurz vor dem Gipfel
Ab jetzt ist der Weg nicht mehr schwierig. Zwar muss ich aufpassen, aber zügig laufe ich zurück nach Oberstdorf. Im Tal angekommen ist es bereits dunkel. Perfektes Timing.
Es war die beste Entscheidung in die Berge zu fahren, den Kopf frei zu laufen und den Nebel zu durchbrechen. Inzwischen kann ich wieder etwas klarer denken und schaue was mir die Zukunft bringen wird.
Nebelhorn Gipfel in der Abendsonne
Für dich sind ein paar imposante Impressionen entstanden und ich möchte dir einen Ausspruch mit auf den Weg geben welcher mich über Monate begleitet und immer wieder aufgebaut hat:
„Egal was für Scheiße passiert, für irgendetwas ist es gut! (auch wenn du es noch nicht siehst)“
P.S.: ich muss forschen und googlen, aber es könnte sein das ich in 2014 der Letzte auf dem Gipfel war (schneefrei). Hat auch was für sich.
Hattest du auch schonmal ein solches Wolkenmeer unter dir?